Die Entstehungsreise von "To Build a Home"

Ein ganzes Jahr lang haben mein Freund Ari und ich ein Nomadenleben geführt, sind mit unserem Van Emma durch die Gegend getuckert, haben mal hier mal da gelebt, immer dort, wo es uns gerade hingezogen hat. Es war eine Mischung aus Sehnsucht nach einem Leben in der Natur und nach Freiheit, die mich schon während der Studienzeit von diesem freien, nomadischen Leben hatte träumen lassen. Doch es gab noch einen anderen Grund für unsere Reise: die Suche nach einem gemeinsamen Zuhause.  

 

Der Traum von einem Häuschen in der Natur

Ari und ich haben uns vor drei Jahren während unseres Auslandssemesters in Norwegen kennengelernt.
Er kommt aus der Schweiz, ich aus Deutschland – mit Wurzeln in Dänemark. Als nach dem Studium die Frage im Raum stand, wo wir gemeinsam leben wollten, kam mein lang gehegter Traum vom Vanlife wieder auf.

Ein Jahr unterwegs zu sein, von Ort zu Ort zu ziehen, immer dorthin, wo es uns gefällt, schien uns die perfekte Möglichkeit, unseren Ort zu finden – den, der sich vom ersten Moment an wie ein Zuhause anfühlt.

Unsere Reise führte uns zuerst nach Norwegen. Nach einem Monat unterwegs mit unserem Van Emma mieteten wir für zwei Monate eine kleine Hütte hoch im Norden, bei den Lofoten.
Der Herbst zeigte sich von seiner schönsten Seite: die Berge waren in goldenes Licht getaucht, Herbstblätter tanzten durch den Wind und Nordlichter am Himmel. Aus den Fenstern des Häuschens sahen wir direkt auf den Fjord und zu den Bergen.
Alles sah genau so aus, wie wir uns oft unser gemeinsames Traumhäuschen vorgestellt hatten.

Und doch, mitten in unserem Traum, fehlte noch immer etwas. Das Gefühl, wirklich angekommen zu sein – das Gefühl von Zuhause.

 

Ein buntes Leben in Gemeinschaft

Der Oktober wurde richtig ungemütlich. Dauerregen und Stürme bereiteten uns schlaflose Nächte, und unsere Familien und Freunde fehlten uns so sehr, dass wir schließlich wieder aufbrachen. Vielleicht war dieses Leben mitten im Nichts doch nichts für uns. Vielleicht waren es die Menschen, die uns noch fehlten, um uns wirklich zuhause zu fühlen.

Unsere Suche führte uns weiter in den Süden Portugals, getrieben von der Idee, ein ganz anderes Leben auszuprobieren: ein Leben in Gemeinschaft. Einige Monate lebten wir bei unterschiedlichen Communities, unsere sozialen Batterien wurden reichlich aufgeladen, und wir lernten viele spannende Menschen und Lebenskonzepte kennen. Doch auch dieses Mal blieb das Gefühl aus, ein Zuhause gefunden zu haben.

Ironischerweise sehnten wir uns nun wieder nach genau dem Leben, dem wir gerade noch entfliehen wollten. Aus einem Gefühl der Verlorenheit – und dem Wunsch nach Beständigkeit – mieteten wir im Juli spontan erneut ein kleines Häuschen und machten uns zurück auf den Weg dorthin, wo alles begann: nach Norwegen.

 

Ein neues Bild entsteht

Auf dem Weg in den Norden begann ich, ein neues Bild zu malen. Ich saß in den Dünen Norddänemarks, der Heimat meines Vaters, einem Ort voller Kindheitserinnerungen.

Ob dies unser Zuhause werden würde?

Wie jede Option, die uns durch den Kopf ging, hatte auch diese ihren Haken. Irgendwo gab es immer einen: zu teuer, zu hohe Steuern, zu wenig Natur, zu viel Natur. Einfach in ein neues Land ziehen, wo ich mich gerade erst in Deutschland mit der Selbstständigkeit zurechtgefunden hatte? Was, wenn ich dort keinen Anschluss finde? Wenn wir in eine Sackgasse geraten – die Freiheit, die ich mir so lange gewünscht habe, wieder verlieren und nicht wieder zurückbekommen?

In meinem Kopf drehte sich alles im Kreis. Tausend Stimmen diskutierten durcheinander, bis ich, umgeben von Moos und Kiefernwipfeln, meine Hände in die Farbe tauchte. Plötzlich wurde es still. Nur noch das Rauschen der Wipfel, das Glitzern des Sonnenlichts auf den Heideblüten und meine Farben waren da. Wie immer wusste ich nicht genau, was ich malte. Ich folgte einfach den Farben unter meinen Fingerspitzen, ahnungslos, dass genau dieses Bild uns eines Tages helfen würde, unser Zuhause zu finden.

Die Geschichte eines Bibers Auf unserem Weg nach Norwegen entdeckten wir bei einem Waldspaziergang einen Biber in einem Fluss. Wir waren völlig überwältigt – Biber sind normalerweise so scheu, dass Tierfotografen tagelang auf Lauer liegen, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Doch dieser hier war völlig unbeeindruckt von uns. Er schwamm ruhig seine Kreise, selbst als wir direkt am Ufer standen und er uns längst bemerkt hatte. Bei jedem Kreis kam er ein Stückchen näher, und manchmal schien er uns direkt in die Augen zu schauen. Ich hatte Gänsehaut – der Moment war schlicht magisch.

Das Bild des Bibers ließ mich fortan nicht mehr los. Seine kleinen schwarzen Augen tauchten immer wieder in meinen Gedanken auf und schließlich auch auf meiner Leinwand. Ein Bereich der Farben erinnerte mich an den Fluss, in dem ich ihn gesehen hatte – und ich konnte gar nicht anders, als ihn zu malen. Ich brauchte mehrere Anläufe: Erst stellte ich ihn einfach schwimmend dar, dann neben einen Baum. Doch keine Variante fühlte sich richtig an. Erst als ich ihn ans Ufer malte, halb aus dem Wasser ragend, als lehne er sich darüber, wirkte das Bild stimmig. Er sah zu dem Reh hinauf, das ich auf die andere Uferseite gemalt hatte. Es beugte sich zu ihm hinunter, ganz so, als lausche es seinen Worten. Irgendetwas hatte der Biber zu erzählen – nur wusste ich noch nicht, was.

Ein Häuschen mitten im Wald

Als ich einige Zeit später mein Bild erneut betrachtete, um zu sehen, ob es noch etwas zu ergänzen gab, erinnerte mich eine Form in den Farben an das Dach eines kleinen Häuschens. Eine Erinnerung stieg auf: Ein Tag in Schweden, als Ari und ich beim Wandern plötzlich auf ein winziges rotes Holzhaus mitten im Wald gestoßen waren. Wir traten auf die Eingangsschwelle und stellten uns vor, wie es wäre, genau hier zu wohnen – am Kaminfeuer sitzend, umgeben vom Knistern des Feuers und dem Zwitschern der Vögel.

„Vielleicht werden wir es irgendwann auch einfach finden“, sagte ich zu Ari.
„Vielleicht laufen wir wie jetzt durch den Wald und stehen plötzlich genau vor unserem neuen Zuhause. Wäre das nicht wundervoll?“

Ja, genau das war es, was ich mir im Moment sehnlichst wünschte: einfach um die Ecke biegen und unser Zuhause finden.

Die Botschaft des Bibers Ari und ich waren mittlerweile Hals über Kopf in Überlegungen versunken. Immer wieder scrollten wir durch Internetanzeigen von Häusern, Wohnungen und Grundstücken in den unterschiedlichsten Ländern. Wir schwankten zwischen der Begeisterung, ein Häuschen in der Natur zu bauen, und der Sehnsucht nach Familie und mehr Vernetzungsmöglichkeiten in einer lebendigen Stadt. Wir probierten alle möglichen Methoden, um eine Entscheidung zu treffen – von Aufstellungsübungen bis zu Neurografiken, die mir sonst immer halfen. Doch nichts führte zu einer klaren Antwort.

„Ich glaube, wir werden es niemals finden“, sagte ich zu Ari, als wir beim Wandern unserer Lieblingsrunde im Fjell um die Ecke des Häuschens einen Fluss überquerten. Ich hatte gehofft, Ari würde etwas Beschwichtigendes sagen, doch er war selbst irgendwo in Gedanken verloren, unsicher, wie es weitergehen sollte.

Ich blickte auf das Wasser zwischen den Steinen beim Überqueren eines Flusses und dachte an mein Bild, das nun fast fertig war. Der Biber tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich sah, wie er sich über das Ufer beugte und anders als auf meinem Bild in meinen Gedanken nun etwas dem Reh entgegenhielt: ein kleines Stöckchen. Und plötzlich formten sich Worte in meinem Kopf.

„Zuhause ist nichts, das man einfach findet“, sagte der Biber in meinen Gedanken zum Reh „es ist etwas, das man sich aufbauen muss.“

 

Zuhause ist etwas, das man sich aufbauen muss

 Plötzlich wurde mir klar, dass die Worte, die ich gerade zu Ari gesagt hatte, um eine beschwichtigende Antwort von ihm zu hören, bereits die Antwort war, die wir so lange gesucht hatten. Wir würden niemals einfach so einen Ort finden, der sich von Anfang an wie unser Zuhause anfühlt – weil Zuhause ein Gefühl ist, das erst mit der Zeit entsteht. Weil es etwas ist, das man sich erst aufbauen muss.

Wir haben uns immer wieder im Kreis gedreht, weil wir eine perfekte und einfache Lösung gesucht haben. Wir haben nach einer Antwort gesucht, die eigentlich schon immer vor uns lag, nur wollten wir sie nicht wahrhaben. Einen Neuanfang zu wagen ist niemals einfach. Sich etwas Neues aufzubauen, etwas aus dem Nichts zu erschaffen – es wird immer Haken geben: Ängste, Zweifel, Herausforderungen.

Wenn einem alle Türen offenstehen, gibt es nicht die eine perfekte Lösung – sondern viele verschiedene schöne Wege. Was es braucht, ist der erste Schritt. Die Entscheidung, einen dieser Wege zu gehen. Oder, wie der Biber in meiner Geschichte zum Reh sagt: den ersten Zweig zu legen.

„Schritt für Schritt, Zweig für Zweig entsteht das, was man Heimat nennt. Wir brauchen nur den Mut, den ersten Zweig zu legen, kleines Reh.“

 

Der Mut, den ersten Schritt zu gehen

Das Bild zu beenden fiel mir unglaublich schwer. Ich wollte den letzten Pinselstrich einfach nicht setzen. Irgendwo in mir wusste ich, dass die Zeit gekommen war – dass mit dem Abschluss des Bildes auch eine Entscheidung fallen würde.

Vielleicht klingt das verrückt, aber nur wenige Tage, nachdem ich das Bild für fertig erklärt hatte und wir mal wieder durch Wohnungsanzeigen scrollten, stießen wir auf eine Anzeige, die uns innehalten ließ: Eine Altbauwohnung in unserer Lieblingsstraße in Luzern – der Stadt, in der Ari früher gelebt hatte. Gerade noch so in unserer Preisvorstellung.
Dort, wo sich sonst sofort Zweifel und Widersprüche meldeten, war es für einen Moment still.

„Sollen wir sie anschreiben?“, fragte ich Ari.
Ein paar getippte Worte später war es getan. Ein Jahr lang hatten wir gezögert – und jetzt war es im Bruchteil einer Sekunde passiert.

Natürlich kamen die Zweifel zurück. Doch die Welle an Gefühlen legte sich ein paar Tage später auch wieder. Der Sturm in mir wurde leiser.
In mir waren noch tausend Fragen und Unsicherheiten, aber nun auch eine leise Gewissheit, dass es irgendeinen Weg geben würde. Es gibt immer einen Weg – doch um ihn zu sehen, muss man ihn gehen.

Danke, liebes Bild, dass du mich genau daran erinnerst:
Dass Zuhause nichts ist, was man einfach irgendwo findet –
sondern etwas, das man sich aufbauen muss.

zoefee

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